Begegnungen

 

ohres

 

Wie es das Leben so will rief mich im Winter 2011 eine junge Frau an, die sich am Telefon als Frau Bernet vorstellte. Ihre Stimme klang sanft und eher leise, wie wenn sie sich fast nicht getraut hätte, mir ihr Anliegen zu sagen. Ich hörte ihr interessiert zu und wusste schon bald, dass sie bei mir im Rahmen ihrer Ausbildung zur Psychotherapeutin die Selbsterfahrung machen wollte. Ich wurde schnell neugierig, denn ich wollte unbedingt wissen, wer diese Person war, die so zaghaft und scheinbar hilflos eine Anfrage startete. Sie musste etwas Besonderes sein, denn nur so konnte ich verstehen, dass sie Psychotherapeutin werden wollte. So kamen wir schnell zu einer ersten Abmachung und legten einen Termin für ein Kennenlernen fest. Ich freute mich echt, sie in meinem damaligen Therapieraum kennen zu lernen. Da die Arbeit mich wieder in ihren Bann zog, hatte ich sie bereits wieder vergessen, als der Tag kam, an dem sie zum ersten Mal die Schwelle zur Minipraxis überschritt. Ich öffnete die Türe und da stand sie, gross und schlank, fast zerbrechlich und scheu. Sie hielt mir unsicher ihre Hand entgegen und begrüsste mich mit eben derselben Stimme, wie ich sie am Telefon schon bemerkt hatte. Sie war – ich gebe es zu – attraktiv und hatte eine gute Ausstrahlung. Sie setzte sich mir schräg gegenüber und wahrte damit eine Distanz, wie ich sie danach noch oft erleben musste oder sollte. Sie sass fast unschuldig in ihrem Sessel und sprach nicht viel, was sie aber sagte, hatte schon damals viel Aussagekraft. Gelegentlich zeigte sie ein liebliches Lächeln bei dem ihre wunderschönen weissen Zähne voll zur Geltung kamen. Sie war adrett gekleidet und ihre schwarzen Haare umrahmten ihr fein geschnittenes Gesicht. Sie musste bei den Männern wohl viel Anziehung bewirken – so dachte ich damals. Ich wurde schon in dieser ersten Begegnung mit ihren Grenzen und Prinzipien konfrontiert und wusste so, dass sie Distanz wünschte und sich nur vorsichtig öffnen wird. Ich wusste, dass ich von ihr beobachtet werde und dass ich eine anspruchsvolle Aufgabe übernehmen werde. Ich sprach mit ihr über dies und das, denn ich wollte sie unbeschwert und ohne Druck erfahren. Ja sie war mir von Anfang an sympathisch, auch oder vielleicht gerade wegen ihrer Abgrenzung. Wir beendeten unsere erste Stunde mit der Aufgabe, sich in den nächsten Tagen Gedanken zu machen, ob wir weitere Gespräche miteinander machen sollen. Ich wollte auf jeden Fall, denn die Neugier war entfacht. Ich war gespannt, wie sie sich entscheiden wird.

Die wenigen Tage bis zu ihrer Entscheidung wirkten lang andauernd. Dann kam der besagte Telefonanruf mit der Antwort: „Ja ich werde bei Ihnen die Selbsterfahrung machen.“ Wie mich das aufstellte und meine Stimmung hob. Ich war in diesen Momenten echt glücklich, weil ich doch Zweifel hatte, ob sie tatsächlich bei mir einsteigen wollte. So vereinbarten wir einen weiteren Termin und schon bald kam der Tag der zweiten Begegnung. Ich konnte es kaum erwarten, doch die Arbeit hielt mich davon ab, immer wieder an sie zu denken. Ich wusste damals nicht, warum ich so erfreut war, aber irgendwie hatte sie mich schon in ihren Bann gezogen. Ich war einfach richtig fasziniert von ihrer Art. Sie kam also wahrhaftig ein weiteres Mal zu meiner Praxistüre herein. Sie war wie schon beim ersten Mal lässig gekleidet und ihre Haare fielen locker auf ihre Schultern. Sie sah wunderbar aus und wirkte mit ihrem Lächeln und ihrer feinen Stimme wie ein Engel. Ich spürte in mir, wie Zuneigung mein Herz beflügelte. Ich konnte meinen Blick fast nicht von ihr nehmen, aber meine innere Stimme sagte mir, sei zurückhaltend und vorsichtig. Sie ist noch sehr zerbrechlich und scheu, gib ihr die Zeit, dich kennen zu lernen. So beliess ich es bei gelegentlichen Blicken in ihre schönen Augen und immer wenn sie lächelte oder lachte, war es wie ein Streicheln meiner Seele. Wir redeten bei diesem Treffen über Ziele, Absichten und Rahmenbedingungen, dabei wurde mir schon schnell klar gemacht, wo sie ihre Grenzen setzen wollte. Irgendwie befremdete mich das, obwohl ich ihr Verhalten verstehen konnte. Trotzdem musste ich diese Angelegenheit klären, weil ich diese für mich vorurteilshafte Haltung nicht akzeptieren wollte und konnte. Sie stellte klar, dass ich bei ihr auf Distanz bleiben soll und sie Berührungen jedwelcher Art nicht akzeptiere. Ich war denn schon recht erstaunt über diese Bemerkung und fand sie schlicht daneben. Ich machte sie darauf aufmerksam, dass sie mich noch gar nicht kenne und mich wohl zuerst kennen lernen solle. Ich muss heute sagen, dass mich diese Erfahrung noch lange geprägt hat und ich sehr vorsichtig wurde. Es sollte sich in den nächsten Monaten zeigen, dass bei ihr viel Misstrauen gegenüber Männern bestand, ich meinte zu spüren vor allem gegenüber älteren. Trotzdem, ich wollte den Weg mir ihr gehen und liess mich nicht allzu lang irritieren. Wir klärten diese Ungereimtheit in der nächsten Sitzung, so dass wir unbefangen weitere Gespräche führen konnten.

 

Die ersten Begegnungen waren getragen von vorsichtigem Taktieren. Ich spürte ihre grosse Vorsicht – manchmal empfand ich es als Misstrauen, wohl nicht auf mich bezogen, aber auf alle, die ihr zu nahe kamen. Dabei fragte ich mich schon damals, ob es einen Unterschied gab zwischen Kontakten mit Männern und Frauen. Ich glaubte wahrzunehmen, dass sie befreiter war in Kontakten zu Frauen.

In den Stunden der Selbsterfahrung erwähnte sie die kritische Haltung zu ihrem Vater und die Nähe zu ihrer Mutter. Bei ihren Aussagen zum Vater musste ich einmal mehr feststellen, dass ich nie einen Vater – nämlich meinen – kennen gelernt hatte. Wie musste es erst sein, wenn man einen Vater hatte, der aber nur sich selbst sah und kaum Notiz von seiner Familie nahm, dem Erfolg im Beruf das Wichtigste war. Ich spürte die Distanz zwischen ihm und seiner Tochter. Bald einmal kam auch ihr Freund ins Spiel, nicht so sehr in den Sitzungen selbst, sondern in Begegnungen ausserhalb. Anfänglich konnte ich mit damit gut umgehen, dass Mirjam, wie ich sie nun nennen durfte, einen Freund hatte. Doch als ich sie einmal nach Hause fuhr, musste ich erkennen, dass Eifersucht die Beziehung belastete. Ich war nicht schlecht erstaunt, als sie mich bat, nicht vor ihrem Zuhause anzuhalten, sondern weiter zu fahren und sie später aussteigen zu lassen. Ich hatte das Gefühl, dass sie abhängig vom Freund war. Sie musste mir danach unbedingt bestätigen, dass die Beziehung gut lief. Ich hatte da schon eine etwas andere Meinung, ohne sie allerdings auszusprechen. Ich durfte sie danach nicht mehr nach Hause fahren. Auch durfte ich sie nie zum Bahnhof begleiten und musste mich immer schon vorher verabschieden. Ich akzeptierte zwar dieses Verhalten, aber verstehen konnte ich es nicht. In dieser Phase war ich sehr verunsichert und dachte gar über einen Abbruch der Begegnungen nach. Ich wollte und konnte nicht zum Spielball der Situation werden. Ich war gewohnt, spontan und offen zu leben. Plötzlich fand ich mich in einer Situation, in der ich mich unfrei und blockiert fühlte.

 

In dieser Phase wurde dann die Frage ohne unser Zutun beantwortet, ob die Selbsterfahrung weiter gehen soll. Sie musste abgebrochen werden, weil das Ausbildungsinstitut diese Selbsterfahrung nicht hätte akzeptieren können. Das war natürlich ein harter Entscheid, aber nicht zu umgehen. Ich hatte sie glücklicherweise schon angefragt, ob sie Interesse hätte, bei mir in die Praxis einzusteigen. Sie freute sich über meine Anfrage sehr und sagte spontan zu. Ich war sehr überrascht, weil ich ihre Vorsicht kennen gelernt hatte. Nun sie musste von mir und meiner Arbeitsweise überzeugt gewesen sein, denn warum sonst sollte sie sich in dieses Abenteuer der Zusammenarbeit stürzen. Immerhin war sie ja noch anderweitig beschäftigt und hatte damals noch keinen Grund, diese Tätigkeiten aufzugeben. Ich durfte schon damals erkennen, dass Mirjam ein fleissiges Bienchen war und ihre Aufgaben mit einem Hang zur Perfektion erledigte. Alles schien seinen normalen Verlauf zu nehmen, nichts schien ihren vorgenommenen Weg in Frage zu stellen – ausser mir. Doch ich sprach nicht darüber und behielt es für mich. Ich wollte nichts vorwegnehmen, den Dingen den Lauf lassen, wohl wissend, dass sich noch vieles verändern wird.

 

In diesen Wochen der ersten Begegnungen mit Mirjam spürte ich die Nähe zu ihr und gleichzeitig die Ferne zu ihr. Manchmal war sie mir so nah, manchmal so unendlich fern. Dieses Wechselbad der Gefühle und der Wahrnehmung machten mir sehr zu schaffen, immer wenn ich ihr nahe schien, kam unerwartet ein Verhalten der Distanzierung. Ich litt oft unter dieser Situation, nie aber wollte ich diese Begegnungen kappen. Sie hatte soviel positive Seiten, so ein gutes Herz. Doch gelegentlich kam Frust auf und ich schaffte es dann, die Stimmung ins Ungemütliche zu kippen. Ich konnte das innere Erleben nicht benennen, denn ich hatte Angst vor ihrer Reaktion. So hat sie lange nicht erfahren, was ich zu diesem Zeitpunkt bei unseren Begegnungen erlebte. Ja diese Ambivalenz irritierte mich immer wieder und nie wusste ich damals wirklich, woran ich bei ihr war. Sie blieb über lange Zeit ein Rätsel und doch wollte ich sie weiter kennen lernen und mit ihr die Praxis weiterentwickeln. Wir hatten beide Ja gesagt, nun lag es an uns, das Ja voll zur Blüte zu bringen. Schnell wurde mir klar, dass sie eine hervorragende Persönlichkeit wird, wenn sie die Zeit dazu hat, sich unabhängig und frei zu entwickeln. Ich wollte ihr diesen Freiraum auf jeden Fall lassen. Da war auf der einen Seite die hohe Kompetenz und die grossartige fachliche Präsenz und auf der anderen Seite die eigenartig anmutende persönliche Distanz. Manchmal fiel es mir leicht, mit dieser Spannung umzugehen, doch nicht immer wollte mir dies gelingen. Sie forderte von mir wohl unbewusst viel Toleranz und Verständnis, denn sie wollte weiterkommen und sich entwickeln. Ich realisierte schnell, dass sie ihre Ziele mit grosser Hartnäckigkeit verfolgte und dass sie sich von nichts und niemandem davon abhalten liess. So lernte ich eine willensstarke und gleichzeitig liebevoll-schüchterne Frau kennen, welche mich tief beeindruckte.

 

Bald einmal begleitete sie  mich in ihrem ersten Kurs. Sie kam schon ein paar Tage vor diesem Kurs zu mir und wollte unbedingt wissen, was sie dabei leisen könnte. Ich erzählte ihr von den möglichen Themen und sie wusste sofort, dass es ihr späteres Lieblingsthema Fahren unter Alkoholeinfluss sein musste. Sie wollte sich intensiv darauf vorbereiten, sie wollte alles richtig machen und die Teilnehmer kompetent informieren. Am Tag dieses ersten gemeinsamen Kurses war sie sehr nervös und wartete gespannt auf ihren Auftritt. Sie war denn recht erstaunt, wie meine Vorbereitung ausschaute. Ich hatte mich schlicht und einfach gar nicht vorbereitet. Ich kannte ja meine Themen schon durch die vielen bisherigen Kurse. Nun sie brillierte mit grossem Wissen und klaren Aussagen, wobei die leichte Nervosität ihre gute Ausstrahlung noch unterstützte. Es war dann auch ein gelungener Einstieg. Ich wusste, dass sie eine ganz tolle Kursmoderatorin wird. Dieser erste gemeinsame Kurs sollte eine gelungene Vorlage für alle weiteren sein und ohres dazu bringen, die Vorbereitung deutlich herunter zu fahren. Ja es sollte der Start sein für eine grosse Karriere. Noch heute erinnere ich mich an diesen ersten Kursabend und noch heute bin ich so froh, dass sie dabei war. Dort habe ich erkannt, welches Potential in ihr steckt und was sie an Fähigkeiten zu bieten hatte.

 

Ohres war schon von Anfang an eine voll engagiertes junge Frau, die mit klaren Strukturen und Handlungen beeindruckend zügig ihre Aufgaben wahrnahm. Manchmal düste sie mit hohem Tempo durch den Raum, wie wenn jede Minute aktiv genutzt werden sollte. Ich konnte ihr zwar gut folgen, aber manchmal empfand ich es als Unruhe. Ich war wohl nicht gewohnt, dass ein Mensch ein so hohes Tempo ging, obwohl ich selber ja ein Verrückter war. Aber ihr Tempo übertraf alles bisher Erlebte. Vielleicht musste sie das tun, vielleicht um zu zeigen, zu was sie fähig war. Ich weiss es nicht, aber möglich war es schon. Gelegentlich nahm ich wahr, wie sehr sie sich darum bemühte, gute Arbeit zu leisten. Nun ich musste diesen Beweis nicht haben, denn sie überzeugte mich von Anfang an ohne Wenn und Aber.

 

Die Kurse fanden damals in der Ortega Schule statt und so hatten wir jeweils nach Abschluss noch ein wenig Zeit miteinander zu plaudern. Diese Momente des Verweilens genoss ich schon sehr, denn es waren damals die einzigen Kontakte ausserhalb der Zusammenarbeit. Wenige Male trafen wir uns auch so, doch immer waren unsere Kontakte durch die Beziehung zu ihrem damaligen Freund bestimmt. Ich hatte das Gefühl, dass auch sie stark durch diese Beziehung gebunden schien. Ich spürte trotz ihrem klaren Bekenntnis zu ihm, dass da etwas nicht stimmen konnte. Ich war ja selber durch viele Beziehungen gegangen und wusste um die Schatten- und Sonnenseiten. Andererseits liess mich ohres schon spüren, dass sie nicht bereit  war, diese Beziehung zu hinterfragen. Ich stellte keine Fragen, konnte aber auch nicht verhehlen, dass ich ihren Freund nicht mochte – warum auch immer. Ich hatte vor allem auch Mühe, wenn sie es jeweils verhinderte, dass ich sie zum Bahnhof begleitete. Dies verstand ich nicht, aber sagen mochte ich auch nichts. Ich spürte aber, dass sich zwischen uns eine Spannung aufbaute, die sich manchmal unangenehm zwischen uns schob. Ich fühlte mich nicht frei im Kontakt zu ihr, sie verstand meinen Unwillen und meine Unsicherheit nicht. Diese Phasen waren mühsam und trieben mich immer wieder von ihr weg. Ich fühlte mich einerseits sehr wohl in ihrer Nähe, aber auch verunsichert und angespannt. In dieser Zeit war ich das eine oder andere Mal davor, diesen Kontakt aufzugeben. Aber das waren nur kurze Momente, denn ich wollte sie an meiner Seite wissen. Sie war mir als Mensch, als Frau und als Freundin überaus wertvoll und ihre Art war einfach einmalig. Nein, ohres wollte ich auf keinen Fall aus meinem Kreis ausschliessen. Dafür mochte ich sie damals schon sehr.

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