Shoukran

 

Shoukran heisst Danke. Ja, ich bin sehr dankbar, durfte ich doch von meinem Strassenhund-Dasein hinaufsteigen ins Reich der wohlbehüteten und gut genährten Hunde im Heim der mich begleitenden Menschen, wobei ich sagen darf, dass meine wichtigste Begleiterin ein sehr liebevolles Wesen ist.

Ich musste nicht mehr kämpfen mit Meinesgleichen um ein irgendwas Essbares. Ich bekam Essen einfach, weil ich da war. Doch am Anfang  meines neuen Lebens war ich überfordert ob so viel Zuwendung und wusste noch nicht, wie mir geschah. Ich fühlte mich meiner Freiheiten beraubt und musste oder durfte nicht mehr kämpfen. Mir fehlten diese Auseinandersetzungen mit Gleichgesinnten. Ich fühlte mich eingeengt, durch eine Leine um meinen Hals abhängig und unfrei. Ich wollte so sein wie früher, aber dann doch auch die Annehmlichkeiten des Hier-Seins auskosten.

So schmeichelte ich den Menschen und zeigte ihnen gleichzeitig meinen Unwillen. Ich reagierte auch mal heftig und angriffig, wollte aber den Goodwill der Menschen erhalten. Also kämpfte ich mit ihnen ohne wirklich zu kämpfen. Ich zeigte ihnen meine Zuneigung, wahrte aber immer meine Eigenständigkeit.

Ich genoss das behütete Leben rundum, liess mich verwöhnen. Doch auch ich musste lernen, denn im Reich der gut genährten Hunde gab es weniger Freiheiten. Ich wurde gelehrt, mich den Menschen unterzuordnen, ihnen zu gehorchen, die Gangart der Menschen anzunehmen, andere Hunde in Ruhe zu lassen, sie als Kollegen zu sehen.

Jaja, ein neues Hundeleben bedeutet auch Anpassung und Toleranz. Nicht immer gelang es mir, den Freiheitsverlust hinzunehmen und die Nestwärme zu geniessen. Ich war eben ein freiheitsgewohnter Strassenhund, welcher eigenständig und selbstverantwortlich gehandelt hat. Ich war mein eigener Herr und Meister gewesen. Ich konnte tun und lassen, was ich wollte.

Und doch, mein neues Leben war viel bequemer, sorgenfrei konnte ich die Momente des Daseins geniessen, alle Menschen fanden mich süss, schön und herzig. Ich war der Pascha im Korb der Menschen.

Und doch, die Sehnsucht nach den Freiheiten bleibt. Ich bin ein Jäger und werde es immer bleiben. Ich bin ein Kämpfer und werde es immer bleiben.

Ich bin Shoukran. Danke, dass du mich zu dir aufgenommen hast, liebe Begleiterin. 
 

Kurzgeschichten

© 2018 by Rolf Jud