Die weisse Gestalt

War das wieder einmal eine kalte Nacht. Ich schlief nur schwer ein und drehte mich lange Zeit von einer Seite zur anderen. Irgendetwas schien mich zu beunruhigen, ich wusste nicht, was oder wer mich plagte. Irgendwann muss ich wohl eingeschlafen sein. Die Nacht schlich so dahin und erzeugte in mir eine unangenehme Spannung, welche sich in meinem Körper durch nervöse Zuckungen zeigte.


Hörte ich da nicht eine Stimme, dort ein seltsames Geräusch; schlug da nicht jemand ans Fenster, dort jemand heftig an die Türe? Oder träumte ich dies alles nur?


Ich war plötzlich hellwach, die Dunkelheit umgab mich wie ein undurchsichtiger Mantel; es war still in meinem Zimmer, also doch nur wilde Phantasie!


Ich blieb ruhig liegen, erlaubte mir nicht, mich zu bewegen; irgendetwas lähmte mich, ich glaubte, eine weisse Gestalt zu sehen. Ich verkroch mich unter meine Decke, denn ich spürte ein seltsames Kribbeln in meinem Nacken, untrügerisches Zeichen von Angst; ich getraute mich kaum mehr zu atmen, blieb angespannt und lag schweissgebadet da.


Wieder sah – sah ich wirklich? – eine weisse Gestalt durch mein Zimmer gleiten – viel mehr schweben. Umrisse erkannte ich aber keine. Ich kniff meine Augen zu, schaute wieder hin, doch nur die Dunkelheit war da.


Plötzlich spürte ich einen kalten Hauch an meinem Hals. Ich wagte nicht hinzuschauen und atmete schwer.


Irgendwie musste ich dann wieder eingeschlafen sein. War nicht meine Bettdecke kurz angehoben worden? Hatte ich nicht wieder diesen Atmen gespürt? War da nicht ein leises Wimmern zu hören? Ich fing an, an meiner Wahrnehmung zu zweifeln, ich war doch sonst ein vernünftiger Mensch. Doch halt – hier war doch etwas! Wieder glitt ein weisses Etwas durch mein Zimmer und ein leises Stöhnen war zu hören.


Ich hatte nun genug von diesen Szenen und drückte den Schalter der Tischlampe. Sie wollte aber kein Licht geben, wie ärgerlich. Sollte hier das Wesen die Hand im Spiel haben? Natürlich nicht, ich hatte am Abend vergessen, die Birne auszuwechseln. Also doch keine Geisterhand im Spiel?


So stand ich auf und eilte zum Lichtschalter an der Zimmertüre. Wie ich mich so bewegte, überkam mich das Gefühl, für einen kurzen Moment eine leichte Berührung gespürt zu haben...


Das Licht brannte und alles war so, wie es sein musste – aber diese Nacht liess ich den Raum hell erleuchtet und schlief so noch ein paar Stunden tief und fest.


Die nächste Nacht wird bestimmt kommen...!

Kurzgeschichten

© 2018 by Rolf Jud