Das Haus

 

Gegenüber stand es, schon recht gealtert und vom Leben gezeichnet. Sein Anblick verwirrte. Seine kleinen braunen Augen schauten leblos aus seinem von vielen Falten gezeichneten Gesicht. Der Mund stand offen, zahnlos und dunkel verbreitete er das Gefühl von Leere und Einsamkeit. Oben trug es einen eingefallenen, graubraun gesprenkelten Hut, der da und dort ein Loch sein eigen nannte. Irgendwo war noch eine Art Ausstülpung zu erkennen. Arme hatte es keine und die Beine mussten wohl vor langer Zeit abgefallen sein. Oder hatte es von Anfang an keine Beine und Arme? Wer wusste das schon!


So stand es da, ohne auch nur einer Bewegung mächtig. Niemand schien es zu beachten, viele gingen vorbei, ohne es eines Blickes zu würdigen. Es hatte nichts zu sagen und trotzdem sagte es viel. Es konnte keinen Schritt machen, viele aber hatten schon Schritte zu ihm gemacht. Nun aber war es alt und gebrechlich, entfachte keine Neugier mehr und bot nichts, was gefragt war. Es war nur noch da, gab keine Wärme mehr und keine Geborgenheit. Es blieb in seiner Einsamkeit und Verlassenheit. Manchmal erwachte es kurz aus seinem Dämmerschlaf, wenn wieder einmal ein Einsamer dort abstieg und sich seiner annahm. Dann konnten zwei Einsame gemeinsam einsam sein.

Kurzgeschichten

© 2018 by Rolf Jud