Der Einsame

 

Langsam erhob er die Hand, wie wenn er irgend jemandem Hallo zuwinken wollte. Doch dieser Jemand war Niemand. Die Hand blieb nicht oben, denn dort hatte sie keinen Sinn und konnte nichts erreichen. So sank sie wieder und mit ihr auch sein ganzer Körper in die Bank, auf der er jeden Tag zu sitzen pflegte. Kam die Nacht in seine Nähe, dann stand er auf und ging an einen Ort, wo dieses Gefühl des Irgendwo im Nirgendwo noch schmerzvoller sein Herz berührte. Dort hatte er sein Zimmer, sein Bett und wenige ihm vielleicht wichtige Kleinigkeiten aus einer Zeit der Zweisamkeit. Er konnte dort träumen von Dingen und Erlebnissen, welche schon lange aus seiner Alltagswirklichkeit entschwunden waren und wohl nie mehr in seinem Leben auftauchen werden. Er konnte dort seine müden Augen ruhen lassen – und gelegentlich schlich sich aus diesen eine Träne, welche sich den Weg zu jener Erde bahnte, in welcher er eines Tages ein letztes Mal zur Ruhe kommen sollte ...

Noch aber hatte er auf seinem Weg in seiner kleinen Welt so manche Stunde zu harren den Dingen, die da kommen sollten. Aber was sollte denn für ihn noch kommen? Gab es da noch etwas, das ihn auf seiner Bank in ein Gefühl der Glückseligkeit führen sollte? Kam da jemand vorbei, der sich zu ihm gesellte und einen kleinen Moment sein Leben mit ihm teilen wollte? Nichts als Fragen aber keine Antworten. So glich ein Tag dem anderen, eine Nacht war das Ebenbild der vorherigen.

Er sass schon viele Sonnen auf dieser Bank und ebenso viele Monde in seinem Zimmer mit seinen vielleicht wichtigen Kleinigkeiten aus einer Zeit der Zweisamkeit. Die Sonne hätte ihn gern getröstet, der Mond seinen leichten Mantel weissen Lichts über ihm ausgebreitet. Auch hätte sich vielleicht ein anderer Jemand ihm genähert, hätte er auch nur eine kleine Ahnung gehabt, was der auf der Bank so fühlte.

So blieb die Sonne und der Mond der einzige Begleiter und manchmal mag auch die Bank ein wenig Trost gespendet haben ... 

Nun ist die Bank leer und kann verstehen, wie sich dieser Jemand gefühlt haben muss ... und eine kleine Träne fällt leise auf jene Erde, in der er nun ruht ... auch dort allein ...
 

Kurzgeschichten

© 2018 by Rolf Jud